Erftstadt

Warum tun Sie das?

Es gibt da diesen einen Satz, der mir seit Monaten immer mal wieder durch den Kopf geht: „Warum tust du dir das eigentlich an?“ Er meldet sich jedes Mal, wenn ich lese, was unter den Beiträgen in den Erftstädter Facebook-Gruppen steht. Ich hatte darauf lange keine Antwort, die mich selbst überzeugt. Jetzt habe ich eine. Sie wird „Ihnen“ nicht gefallen. Mit „Ihnen“ meine ich nicht alle, die in Erftstadt Kritik formulieren. Ich meine die, die seit Monaten, teilweise seit Jahren, unter fast jedem Beitrag dieselben Texte, Vorwürfe und Beleidigungen abladen, egal ob es um Wassergebühren, eine Rettungswache oder einen Gedenktag geht. Sie wissen, wer gemeint ist. Alle anderen bitte ich, trotzdem weiterzulesen, denn die Rechnung am Ende zahlen alle.

Vorwurf Nummer eins: Bereicherung. „Taschen vollmachen“, „Pöstchen sichern“, „Selbstbedienung“. Ich bin Ko-Vorsitzender eines Ortsverbands. Dafür gibt es kein Geld, keine Aufwandsentschädigung, gar nichts. Die Wochenenden, an denen ich Haushaltsentwürfe lese, Gebührenkalkulationen nachrechne, Vorlagen aus dem Ratsinformationssystem sortiere, Texte schreibe und Ihre Kommentare beantworte, bezahlt niemand. Sie hätten das wissen können. Eine Nachricht hätte gereicht, ich hätte Ihnen die Zahl genannt. Sie liegt bei nahezu null. Sie haben nicht gefragt, weil die Behauptung ohne Zahl besser funktioniert als mit. Das ist Methode, kein Irrtum.

Vorwurf Nummer zwei: Machtanspruch. Ich zeige Ihnen diese Macht. Sie besteht darin, abends einen Haushaltsentwurf von mehreren hundert Seiten zu lesen, weil sonst niemand erklärt, warum die Kreisumlage steigt und was von unseren freiwilligen Leistungen übrig ist. Sie besteht darin, eine Wasserpreiskalkulation der Verwaltung nachzurechnen und dann einen Antrag zu schreiben, von dem nach drei Sitzungen die Hälfte übrig ist. Und sie besteht darin, das Ergebnis am nächsten Tag öffentlich zu erklären und dafür den nächsten Vorwurf einzusammeln. Das ist die ganze Macht. Wer Macht will, geht nicht in die Politik einer Stadt mit Haushaltssperre. Er geht dorthin, wo niemand nach Vorlagennummern fragt. Auf gar keinen Fall in die Kommunalpolitik.

Vorwurf Nummer drei ist keiner, sondern etwas anderes: die Pauschalisierung. „Die Politiker“, „die da oben“, „alle gleich“, „CDU, SPD und Grüne können ganz verschwinden“. Der letzte Satz hat in einer Erftstädter Gruppe mehr Likes bekommen als jede sachliche Entgegnung darunter. Er kostet nichts, weil er nichts behauptet, was sich prüfen ließe. Aber er leistet etwas. Er löscht genau die Unterschiede, die man bräuchte, um bei der nächsten Wahl zwischen Menschen zu entscheiden. Wer alle in einen Topf wirft, hat das Unterscheiden abgegeben, und zwar an diejenigen, die davon leben, dass niemand mehr unterscheidet. Sie wissen, wen ich meine. Und Sie arbeiten ihnen zu, ob Sie wollen oder nicht.

Dann die Unterstellungen, die ich nicht mehr einzeln beantworte: „arrogant“, „selbstherrlich“, „geistig defizitär“, „Lügner“, „Kriegstreiber“. Dazu die Frage, öffentlich gestellt, wo Politiker eigentlich wohnen und ob sie angestellt, selbständig oder arbeitslos seien. Wer das öffentlich fragt, will keine Antwort. Er will, dass die Antwort gelesen wird. Dazu die Gewohnheit, Menschen, die unsicher schreiben, für ihre Rechtschreibung vorzuführen, bis sie die Gruppe verlassen. Jeder dieser Sätze wird von ein paar hundert Menschen gelesen, die nie kommentieren, und jede und jeder von ihnen lernt daraus dasselbe: Wer hier etwas sagt, wird niedergemacht. Die Mitlesenden schweigen also lieber und dieses Schweigen ist Ihr Werk, und Sie halten es für Zustimmung.

Ich schreibe das nicht, weil mich der Ton trifft. Er trifft mich, aber das ist mein Problem und nicht Ihres. Ich schreibe es, weil die Wirkung längst gemessen wird. Die Universität Duisburg-Essen hat 2022 im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker in deutschen Großstädten befragt: Rund 60 % haben Beleidigungen, Bedrohungen oder tätliche Übergriffe erlebt, knapp 5 % haben deshalb über einen Rückzug nachgedacht, bei etwa einem Drittel der Betroffenen verändert die Sorge vor dem nächsten Angriff bereits das Verhalten. Das Kommunale Monitoring des Deutschen Städtetags kommt in seiner Zwischenbilanz vom März 2026 auf 38 % mit Erfahrungen von Anfeindungen, quer durch alle Parteien. Das sind Zahlen aus Befragungen, nicht aus Erftstadt. Ich kenne hier niemanden, der sie für übertrieben hält. Eher für untertrieben.

Was das für eine Stadt wie unsere heißt, ist schnell erzählt. Kommunalpolitik ist fast vollständig Ehrenamt. Niemand muss sich das antun. Die Listen für die nächste Wahl füllen sich mit Menschen, die abends Vorlagen lesen, weil sie glauben, dass es einen Unterschied macht. Wenn die ersten Wochen in Ihren Kommentarspalten sie eines Besseren belehren, kommen sie nicht wieder. Sie bleiben zu Hause, und sie erzählen anderen, warum. Übrig bleiben nicht die Bedächtigen, sondern die mit dem dicksten Fell und diejenigen, die aus ganz anderen Gründen kommen. Die Plätze dafür haben Sie freigeräumt. Nur nicht für sich. Sie kandidieren nicht. Sie haben noch nie kandidiert. Sie kommentieren.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich will keine Schonung und kein Lob. Kritik an Beschlüssen ist nicht das Problem, sie ist der Zweck der Übung. Wer mir sagt, welcher Beschluss falsch war, bekommt eine Antwort, auch wenn sie lautet: Stimmt, das war ein Fehler. Was ich nicht mehr beantworte, ist die billige Variante, die zehn Sekunden kostet, um sie hinzuschreiben, und zwei Stunden, um sie zu widerlegen. Genau diese Asymmetrie ist Ihr Geschäftsmodell. Ich bediene es nicht mehr.

„Warum tust du dir das an?“ Weil ich nicht will, dass Sie recht behalten. Nicht mit den Vorwürfen, die sind leicht zu entkräften. Sondern mit der Wette, dass irgendwann niemand mehr da ist, der sie entkräftet. Diese Wette verlieren Sie. Bei mir fangen Sie damit an.

Und damit ist die Frage, mit der ich angefangen habe, erledigt. Sie war sowieso die falsche. Die richtige geht an Sie: Warum tun Sie das? Sie bekommen nichts dafür. Kein Geld, kein Mandat, keine Vorlage, die dadurch besser wird, keinen Euro, der dadurch gespart wird. Was Sie bekommen, ist ein Thread, in dem Ihnen jemand antwortet, und eine Stadt, in der es bald niemand mehr tut. Ich könnte die Frage so beantworten, wie Sie Ihre beantworten: mit einer Unterstellung. Ich lasse es. Beantworten Sie sie selbst.

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