Gesellschaft

Gen Z

Morgen Nachmittag stehen am Kölner Rheinufer vermutlich ungefähr 15.000 junge Menschen. Angemeldet waren zuerst 5.000, dann kamen über 12.600 Zusagen, und die Polizei hat die Kundgebung verlegt, weil der Platz nicht mehr reicht. In 32 weiteren Städten passiert zur selben Stunde dasselbe. Ich habe die ganze Woche gelesen, was über diese Jugendlichen gesagt wird, und ich bin am Ende dieser Woche vor allem eines: beschämt. Nicht über sie, ganz im Gegenteil: über uns.

Lasst mich zuerst sagen, was sie eigentlich wollen, wofür sie auf die Straße gehen, weil das in meinem Erleben fast niemand öffentlich getan hat. Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie statt Kürzungen. Ein Leben, das man bezahlen kann. Keine Wehrpflicht für Menschen, die bei dieser Entscheidung nicht wählen durften. Weniger Überwachung, konsequenter Klimaschutz, und die Lasten nicht immer bei denen abladen, die sich am wenigsten wehren können. Das steht in einem Positionspapier, das man in 10 Minuten liest. Auf der Startseite der Initiative steht in Großbuchstaben: friedlich, ohne Ausnahme.

Und worüber wurde dann öffentlich geredet, diskutiert, geschimpft, diffamiert? Über Frankreich, über ein brennendes Rathaus in Limoges, über Halloween und Vermummung. Ein Innenminister warnte vor „Unterwanderung“, ein Polizeigewerkschafter sprach von „Krawallmigranten“, die „keine Gnade“ erwarten dürften, eine Parteijugend brachte die Bundeswehr ins Spiel, eine Stadtratsfraktion wollte verbieten lassen. Schaufenster werden zur Stunde mit Sperrholz vernagelt. All das, bevor auch nur ein einziges Plakat hochgehalten wurde. Das Ministerium, das warnte, räumte gleichzeitig ein, dass es keine konkreten Hinweise auf Gewalt gibt. All diese Sätze wurden nicht für die Jugendlichen geschrieben. Sie waren für die Absicherung derer geschrieben, die sie gesagt haben. Und während die Erwachsenen sich absicherten, hat ein 18-Jähriger aus München dem ZDF gesagt, er habe das Gefühl, „dass man auf die Jugend scheißt“. Der Satz ist nicht höflich. Aber er ist richtig.

Eine Trendstudie hat im Januar 2.012 junge Menschen zwischen 14 und 29 befragt. 29 % sagen, sie bräuchten psychologische Hilfe. 23 % haben Schulden. 21 % planen konkret, das Land zu verlassen, 41 % können es sich vorstellen. Bitte diese Zahlen einmal in aller Ruhe sacken lassen. Einmal die Größenordnungen hinter diesen Zahlen verstehen. Das ist nicht die Jugend, die in Talkshows beschrieben wird, verwöhnt, gelangweilt, faul und immerzu am Handy. Das sind Menschen, die sich mit 19 schon auszurechnen versuchen, ob sich ein Bleiben lohnt. Und von denen gehen morgen trotzdem Zehntausende auf die Straße und sagen: Wir sind noch da, redet mit uns. Das ist es, was mich an dieser Generation wirklich trifft. Nicht ihre Wut. Dass sie noch nicht aufgegeben hat. Wer das als Bedrohung versteht, hat etwas sehr Grundsätzliches nicht verstanden.

Ich war mit 18 in einer Lage, in der ich mir über Wehrdienst keinen einzigen Gedanken machen musste, und ich habe das damals nicht einmal als Glück empfunden, so selbstverständlich war es. Mir wurde gesagt, dass alles offen ist. Dass man alles erreichen kann. Dass wir eine Zukunft haben. Diesen jungen Leuten wird das Gegenteil gesagt. Schulden, Klimafolgen, womöglich eine Uniform, und wenn sie aufstehen und widersprechen, bekommen sie eine Gefährdungsbewertung statt einer Antwort. Ich würde an ihrer Stelle wütender sein, als sie es sind.

Ja, die Initiative ist zwei Wochen alt, chaotisch organisiert, der Pressesprecher ist nach einem Tag zurückgetreten, die Bundesschülerkonferenz hält sich fern. Und auf der Website steht eine Packliste, die Aktionshandy, Kleingeld für den Fall einer Ingewahrsamnahme und Wasser zum Augenausspülen empfiehlt. Ein Kölner Club, der die Forderungen ausdrücklich teilt und selbst viele Demos organisiert hat, nennt das die Vorbereitung von Chaos und bewacht morgen Abend seine Halle mit Security. Ich nehme das ernster als alles, was aus Innenministerien kam. Die Liste ist Wort für Wort aus den Checklisten der Klimabewegung kopiert, aus Ende Gelände und Widersetzen, sie bereitet auf Pfefferspray und Polizeikessel vor, nicht auf Steine. Aber wer 16-Jährige zu ihrer ersten Demo einlädt und ihnen so eine Liste mitgibt, hat nicht verstanden, was er da tut. Das ist meine ganz persönliche Einschätzung, und sie ändert nichts an der Sache. Morgen kann etwas schiefgehen. Wenn es passiert, werden sich die bestätigt fühlen, die heute warnen. Aber auch dann bleibt wahr, dass die Schulen marode sind, dass die Mieten nicht bezahlbar sind und dass über die Zukunft von Menschen entschieden wird, die nicht gefragt wurden. Ein eingeschlagenes Schaufenster ändert daran nichts, und eine friedliche Kundgebung von 15.000 Menschen am Rhein ändert daran hoffentlich etwas.

Ich schreibe das als 56-jähriger, der morgen von zu Hause aus zusieht, wie eine Generation sich ihre Zukunft zurückholen will. An die, die morgen in Köln und überall sonst stehen, in Kostümen oder ohne, mit Plakaten, die wir zum ersten Mal lesen werden, weil wir uns bisher nicht die Mühe gemacht haben:

Ich finde das super, was ihr tut. Ihr solltet eure Zukunft nicht gegen uns verteidigen müssen.

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