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Baden-Württemberg und die Zahlen

Vergangenen Sonntag erlebten wir einen Wahlabend, der in seiner Dramaturgie kaum zu überbieten war. Drei Stunden nach Schließung der Wahllokale war immer noch unklar, ob die Grünen oder die CDU vorne liegen würden. Am Ende trennten die beiden Parteien rund 27.000 Stimmen, und das bei über 5,4 Millionen abgegebenen Stimmen. Das amtliche Ergebnis: Grüne 30,2 Prozent, CDU 29,7 Prozent, AfD 18,8 Prozent, SPD 5,5 Prozent. FDP und Linke scheiterten an der Fünfprozenthürde. Was auf den ersten Blick nach einem knappen, aber klaren Bild aussieht, offenbart bei genauerem Hinsehen tektonische Verschiebungen im Parteiensystem, sowie einige Entwicklungen, die über Baden-Württemberg hinaus Bedeutung haben.

Die Grünen: Sieg ohne Triumphgefühl

Cem Özdemir hat geschafft, was ihm viele nicht zugetraut haben. Er hat die Grünen zum dritten Mal in Folge zur stärksten Kraft in Baden-Württemberg gemacht. Ohne Winfried Kretschmann, ohne den Amtsbonus eines amtierenden Ministerpräsidenten und gegen eine CDU, die monatelang in den Umfragen vorne lag. In seinem eigenen Wahlkreis holte Özdemir 47,9 Prozent der Erststimmen, neun Punkte mehr als sein Vorgänger 2021. In Stuttgart I erreichten die Grünen bei den Zweitstimmen sogar 50 Prozent. Beeindruckende Zahlen, die zeigen, wie stark der Kandidat persönlich mobilisiert hat.

Und doch wäre es falsch, diesen Sieg als Stärkezeichen der Partei zu lesen. Die Grünen haben gegenüber 2021 rund 2,6 Prozentpunkte verloren. In absoluten Zahlen haben sie zwar mehr Stimmen geholt als bei den beiden vorangegangenen Landtagswahlen, aber das liegt an der deutlich gestiegenen Wahlbeteiligung von 69,6 Prozent (2021: 63,8 Prozent). Hatten die Grünen 2021 noch in der großen Mehrheit der Wahlkreise das Direktmandat gewonnen, gelang ihnen das nach der Auftrennung in Erst- und Zweitstimme nur noch in 13 von 70 Wahlkreisen. Die CDU gewann 56 Direktmandate, 44 davon von den Grünen übernommen. Das heißt: Die Grünen sind stärkste Zweitstimmenpartei, aber sie sind es knapp, und ihre lokale Verankerung in der Fläche ist spürbar zurückgegangen.

Die Wählerwanderungsanalyse von Infratest dimap zeigt, wohin die grünen Stimmen gewandert sind: 165.000 ehemalige Grünen-Wählerinnen und -Wähler wechselten zur CDU, weitere 35.000 zur AfD. Das ist ein erheblicher Abfluss. Kompensiert wurde er teilweise durch Zugewinne von Nichtwählerinnen und Nichtwählern, die offenbar durch das Duell Özdemir vs. Hagel mobilisiert wurden, und durch ehemalige SPD-Wählerinnen und -Wähler, die den Grünen ihre Stimme gaben, weil ihnen der Sieg Özdemirs wichtiger war als die Unterstützung der eigenen Partei.

Özdemir hat diese Wahl also nicht durch die Stärke der grünen Marke gewonnen, sondern durch seine persönliche Popularität. 49 Prozent der Wahlberechtigten bewerteten seine Arbeit positiv. In der Direktfrage, wen die Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger als Ministerpräsidenten bevorzugen, lag Özdemir mit 42 Prozent klar vor Hagel (21 Prozent) und Frohnmaier (11 Prozent). Das ist eine bemerkenswerte persönliche Leistung. Aber es ist auch eine fragile Grundlage, weil sie an eine einzelne Person gebunden ist.

Die CDU: Gewonnen und doch verloren

Für die CDU ist das Ergebnis Zweischneidig, mit 29,7 Prozent hat sie sich gegenüber 2021 um fast sechs Prozentpunkte verbessert und ihr bestes Landesergebnis seit 2011 erzielt. Sie hat 56 von 70 Direktmandaten geholt und dominiert in den ländlichen Wahlkreisen. Manuel Hagel kann mit Recht darauf verweisen, dass die CDU deutlich zugelegt hat.

Und doch fühlt sich der Abend für die Union wie eine Niederlage an. Monatelang lag die CDU in den Umfragen vorne, teilweise mit komfortablem Vorsprung. Im Oktober 2025 sahen die Umfragen sie noch bei 29 Prozent, die Grünen bei nur 20. Die Erwartungshaltung in der Partei war klar: „Hagel for President“. Dass es am Ende nicht gereicht hat, hat vor allem zwei Gründe. Hagel war für viele Wählerinnen und Wähler ein unbeschriebenes Blatt, selbst kurz vor der Wahl konnten 50 Prozent der Befragten ihn nicht einschätzen. Zweitens hat die CDU massiv von der kollabierten FDP profitiert, die Liberalen verloren nach der Wählerwanderungsanalyse den Großteil ihrer Stimmen an CDU und AfD, konnte diesen Zulauf aber nicht in einen Vorsprung vor den Grünen ummünzen.

Interessant ist auch, woher die CDU ihre Stimmen bekam. Bei den über 70-Jährigen war sie mit Abstand stärkste Kraft, in kleinen Gemeinden unter 5.000 Einwohnerinnen und Einwohnern kam sie auf 35 Prozent. Aber bei den Erstwählerinnen und Erstwählern landete sie mit 16 Prozent nur auf Platz zwei, ein Wert, der dem von 2021 entspricht. Die CDU wächst also nicht in die Zukunft hinein, sie konsolidiert ihre traditionelle Basis. Für die Koalitionsverhandlungen mit den Grünen ist das eine schwierige Ausgangsposition: gleich viele Sitze, aber weniger Zweitstimmen und ein Kandidat, der in der Popularität deutlich hinter dem voraussichtlichen Ministerpräsidenten liegt.

Die AfD: Verdoppelt – und trotzdem gescheitert

Die AfD hat ihr Ergebnis gegenüber 2021 fast verdoppelt, von 9,7 auf 18,8 Prozent. Sie stellt künftig 35 statt 17 Abgeordnete im Landtag und wird stärkste Oppositionskraft. In einzelnen Wahlkreisen wie Tuttlingen-Donaueschingen erreichte sie 26,7 Prozent, in Pforzheim 26,4 Prozent. Auf den ersten Blick sieht das nach einem Triumph aus. Die AfD selbst hat noch am Wahlabend versucht, genau dieses Narrativ zu setzen.

Doch wer die Zahlen nüchtern betrachtet, kommt zu einem anderen Schluss. Und der ist für die AfD deutlich ernüchternder, als das blanke Ergebnis vermuten lässt. Zunächst das selbstgesteckte Ziel. Spitzenkandidat Markus Frohnmaier hatte beim Landesparteitag im November 2025 vollmundig „25 Prozent plus X“ versprochen und angekündigt, die AfD werde zweitstärkste Kraft. Beides ist nicht eingetreten. Statt 25+ wurden es 18,8 Prozent, statt Platz zwei wurde es Platz drei. In einer Partei, die Stärke inszeniert und Schwäche als Verrat behandelt, ist das keine Kleinigkeit. Rolf Frankenberger von der Universität Tübingen formuliert es trocken: Die Partei habe ausgeschöpft, was sie könne.

Dann der Vergleich mit der Bundestagswahl 2025. Bei der BTW hatte die AfD in Baden-Württemberg 19,8 Prozent der Zweitstimmen geholt, also einen höheren Wert als jetzt bei der Landtagswahl. Auch in absoluten Zahlen ist der Rückgang deutlich: Bei der Bundestagswahl erhielt die AfD im Südwesten rund 1,26 Millionen Zweitstimmen, bei der Landtagswahl nur noch etwa 1,01 Millionen. Die AfD hat also nicht nur relativ, sondern auch absolut Stimmen verloren, obwohl die Wahlbeteiligung stieg und obwohl die Landtagswahl eigentlich die größere Bühne für das Thema Landespolitik hätte bieten müssen. Und schließlich der Vergleich mit den eigenen Umfragewerten. Im Oktober 2025 stand die AfD in Baden-Württemberg noch bei 21 Prozent und lag damit zeitweise sogar vor den Grünen. In den Wochen vor der Wahl schmolz dieser Vorsprung kontinuierlich. Am Wahlsonntag selbst landete sie dann bei 18,8 Prozent. Die Dynamik zeigt nach unten, nicht nach oben.

Noch aufschlussreicher ist der Langfristvergleich innerhalb des Landes. 2016, auf dem Höhepunkt der Migrationsbewegung nach Deutschland, holte die AfD in Baden-Württemberg 15,1 Prozent. 2021 fiel sie auf 9,7 Prozent zurück. Jetzt steht sie bei 18,8 Prozent. Über den gesamten Zeitraum von zehn Jahren betrachtet, ist das ein Zugewinn von gerade einmal 3,7 Prozentpunkten, trotz eines bundespolitischen Umfelds, das der AfD in die Hände spielte wie selten zuvor: Inflation, Industriekrise, Migrationsdebatte, Vertrauensverlust in die Ampelkoalition. Wer vor diesem Hintergrund nur 3,7 Prozentpunkte mehr holt als 2016, nun, ich spare mir die Erläuterung.

Woher kamen die AfD-Stimmen?

Die Wählerwanderungsanalyse offenbart, dass die AfD vor allem aus einem Reservoir schöpft: den bisherigen Nichtwählerinnen und Nichtwählern. 195.000 Stimmen gewann die Partei aus diesem Lager, der mit Abstand größte Einzelposten. Danach folgen 80.000 ehemalige CDU-Wählerinnen und -Wähler, 35.000 von den Grünen, und jeweils kleinere Kontingente von SPD, FDP und Linke. Die AfD saugt also tatsächlich aus allen Lagern Stimmen ab, aber sie ist in erster Linie eine Partei, die politisch Enttäuschte und Entfremdete mobilisiert, die bisher gar nicht zur Wahl gegangen sind. Dies hat eine wichtige Implikation: Die gestiegene Wahlbeteiligung (die allgemein als demokratischer Gesundheitsindikator gilt) hat in diesem Fall auch der AfD genützt. Das Duell Özdemir vs. Hagel hat zwar vor allem für die Grünen und die CDU mobilisiert, aber im Windschatten dieser Mobilisierung sind auch AfD-affine Nichtwählerinnen und Nichtwähler an die Urnen gegangen. Das ist ein Muster, das wir in den kommenden Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und anderswo genau beobachten müssen.

Wer wählt die AfD und vor allem warum?

Die demografische Analyse der AfD-Wählerschaft zeigt ein klares Profil. Die Partei erzielt ihre besten Ergebnisse bei den 35- bis 44-Jährigen mit rund 24 Prozent, gefolgt von den Altersgruppen 25 bis 34 und 45 bis 59 mit jeweils 21 Prozent. Bei den über 70-Jährigen kommt sie nur auf 9 Prozent, bei den 16- bis 24-Jährigen auf 15 Prozent. Das ist ein umgedrehtes U – stark in der Mitte, schwach an den Rändern des Altersspektrums. Besonders auffällig ist die Verankerung im Arbeitermilieu. 37 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter wählten die AfD mit riesigem Abstand vor der CDU (21 Prozent), den Grünen (18 Prozent) und der SPD, die bei ihrer einstigen Kernklientel auf beschämende 5 Prozent kommt. Die AfD ist in Baden-Württemberg zur Arbeiterpartei geworden, ein Befund, der die SPD härter treffen müsste als jeder Prozentverlust.

Dazu kommt ein weiterer qualitativer Befund: Erstmals gaben mehr AfD-Wählerinnen und -Wähler an, die Partei aus Überzeugung zu wählen (47 Prozent) als aus Enttäuschung über andere Parteien (42 Prozent). Das ist eine Verschiebung um 11 Punkte gegenüber früheren Werten und markiert einen Wendepunkt. Die AfD ist für einen wachsenden Teil ihrer Wählerschaft kein Protestventil mehr, sondern eine bewusste politische Entscheidung. Das macht es für die demokratischen Parteien schwieriger, diese Wählerinnen und Wähler zurückzugewinnen, weil der klassische Appell „Wählt nicht aus Frust“ bei Überzeugungswählerinnen und -wählern ins Leere läuft. Gleichzeitig zeigt die Forschungsgruppe Wahlen ein etwas anderes Bild: 62 Prozent der Gesamtbevölkerung sehen die AfD-Wahl nach wie vor primär als Denkzettel, nur 32 Prozent als Wahl wegen der politischen Forderungen. Und 60 Prozent der Befragten sind der Überzeugung, dass die AfD Demokratie und Rechtsstaat gefährdet, 72 Prozent wollen sie nicht in einer Regierung sehen. Die AfD wächst also in absoluten Zahlen, aber sie wächst nicht in die gesellschaftliche Akzeptanz hinein. Sie bleibt die mit Abstand unbeliebteste Partei.

Der geschlechtsspezifische Graben

Eine Konstante, die sich bei dieser Wahl erneut bestätigt, ist der massive Gender Gap bei der AfD. 21 Prozent der Männer wählten die Partei, aber nur 14 Prozent der Frauen. Das ist nicht nur Statistik, die AfD ist eine Partei, deren Programmatik, deren Sprache und deren Personalauswahl systematisch männlich codiert sind. Traditionelle Familienbilder, ein autoritärer Politikstil, die Ablehnung geschlechtergerechter Sprache, die Betonung von Disziplin und nationaler Stärke,all das spricht ein Milieu an, in dem Männer überrepräsentiert sind. Umgekehrt profitieren die Grünen stärker von Frauen, ebenso SPD und Linke. Das ist nicht neu, aber die Stabilität ist bemerkenswert, weil es zeigt, dass die AfD trotz ihrer Zugewinne eine strukturelle Wachstumsgrenze hat: Solange sie bei Frauen systematisch unter ihrem Gesamtergebnis bleibt, fehlt ihr ein erhebliches Potenzial.

Die Erstwählerinnen und Erstwähler: Erstmals ab 16

Zum ersten Mal durften in Baden-Württemberg 16- und 17-Jährige bei einer Landtagswahl wählen, rund 180.000 junge Menschen waren zusätzlich wahlberechtigt. Die Befürchtung, die Absenkung des Wahlalters würde vor allem den Extremen nutzen, hat sich nicht bestätigt, jedenfalls nicht in der befürchteten Eindeutigkeit. Bei den Erstwählerinnen und Erstwählern (zu denen neben den 16- und 17-Jährigen auch alle zählen, die 2021 noch nicht wahlberechtigt waren) waren die Grünen mit 28 Prozent stärkste Kraft, leicht unter ihrem Gesamtergebnis, aber deutlich an der Spitze. Die CDU kam auf 16 Prozent, die AfD auf 15 Prozent, die Linke auf 14 Prozent. Auffällig ist, dass die FDP bei den Erstwählerinnen und Erstwählern auf 6 Prozent kam und damit im Landtag wäre, wenn nur diese Gruppe gewählt hätte.

Für die AfD ist das Erstwähler-Ergebnis ein Warnzeichen. 15 Prozent klingt zunächst nach einem ordentlichen Wert, ist aber deutlich unter dem Gesamtergebnis von 18,8 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2025 hatte die AfD bei Jungwählerinnen und Jungwählern noch überdurchschnittlich abgeschnitten, in Baden-Württemberg hat sich dieser Trend offenbar nicht in die Landtagswahl übersetzt. Diese Trendumkehr muss sich erst bestätigen, aber es wäre für die AfD ein Problem, wenn die Generation, die sie künftig tragen müsste, ihr unterdurchschnittlich zugeneigt ist.

Für die Linke sind die Erstwähler-Zahlen dagegen bemerkenswert: 14 Prozent bei den 16- bis 24-Jährigen sind weit mehr als die 4,4 Prozent im Gesamtergebnis. Die Linke ist bei jungen Wählerinnen und Wählern eine relevante Kraft, sie konnte dieses Potenzial nur nicht in die Breite übersetzen.

Das SPD-Desaster

Über die SPD muss man in aller Deutlichkeit sprechen, auch wenn es schmerzt. 5,5 Prozent ist das schlechteste Landtagswahlergebnis der SPD in der Geschichte der Bundesrepublik. Nicht in Baden-Württemberg, sondern bundesweit in irgendeiner Landtagswahl. Eine Partei, die 2001 im selben Bundesland noch ein Drittel der Mandate stellte, kommt jetzt mit 10 Abgeordneten in einen 157-köpfigen Landtag. Die SPD-Fraktion ist gerade mal halb so groß wie bisher.

Die Wählerwanderung zeigt, was passiert ist, und der Befund ist für die Sozialdemokraten in doppelter Hinsicht verheerend. Die SPD hat an alle anderen Parteien mehr Stimmen abgegeben als hinzugewonnen. Den mit Abstand größten Abfluss gab es zu den Grünen. Viele SPD-Wählerinnen und -Wähler haben nicht die Partei gewechselt, weil ihnen die SPD nicht mehr gefiel, sondern weil ihnen der Sieg Özdemirs wichtiger war als das Ergebnis der eigenen Partei. Es war eine bewusste Entscheidung, die SPD zu opfern, um ein größeres Ziel zu erreichen, nämlich zu verhindern, dass Manuel Hagel Ministerpräsident wird. Die schwarz-grüne Zuspitzung des Wahlkampfs hat der SPD schlicht „die Luft geraubt“. Wer verhindern wollte, dass die CDU regiert, wählte grün. Wer eine konservativere Regierung wollte, wählte CDU. Für die SPD blieb kein strategischer Raum, in dem ihre Stimme etwas bewirkt hätte, und ein erheblicher Teil ihrer Anhängerschaft hat anscheinend genau diese Rechnung gemacht.

Dazu kommt der zweite, langfristige Schaden: Bei den Arbeiterinnen und Arbeitern, die historisch das Rückgrat der Sozialdemokratie waren, kommt die SPD auf 5 Prozent, die AfD auf 37. Ein vollständiger Identitätsverlust. Die SPD hat ihre einstige Kernklientel nicht an eine andere demokratische Partei verloren, sondern an eine vom Verfassungsschutz beobachtete Kraft, deren Wirtschaftsprogramm den Interessen von Arbeiterinnen und Arbeitern diametral widerspricht. Dass diese Wählerinnen und Wähler trotzdem AfD wählen, zeigt, wie wenig die SPD ihnen noch als Stimme ihrer Interessen gilt. SPD-Landeschef Andreas Stoch hat noch am Wahlabend seinen Rücktritt angekündigt. Die einzig richtige Konsequenz.

Die FDP: Erstmals draußen

Und nun zur FDP, für die das Ergebnis ein historischer Einschnitt ist. 4,4 Prozent in ihrem Stammland, erstmals nicht im Landtag seit Gründung des Bundeslandes. Baden-Württemberg war über Jahrzehnte eine der Hochburgen der Liberalen. 2021 hatten sie hier noch 10,5 Prozent geholt. Jetzt sind sie unter die Hürde gerutscht, und die Wählerwanderung zeigt, wohin die Stimmen gegangen sind: vor allem zur CDU und zur AfD. Auch die FDP wurde von der Polarisierung zwischen Grünen und CDU aufgerieben. Landeschef Hans-Ulrich Rülke trat zurück.

Die 16-Prozent-Lücke

Ein Aspekt, der in der Berichterstattung bisher für mich zu wenig Beachtung findet: Fast 16 Prozent der abgegebenen Stimmen werden im neuen Landtag nicht repräsentiert sein. FDP und Linke kamen zusammen auf 8,8 Prozent, die sonstigen Parteien (darunter Freie Wähler mit 1,9 Prozent und BSW mit 1,4 Prozent) auf weitere rund 7 Prozent. Das bedeutet: Jede sechste Wählerin, jeder sechste Wähler hat eine Partei gewählt, die nicht im Landtag vertreten sein wird. Das neue Wahlrecht mit Erst- und Zweitstimme sollte die Repräsentation verbessern, aber eben dieses Versprechen hat es bei dieser Wahl nicht eingelöst.

Koalition: Kiwi bleibt, die Fragen bleiben

An der Koalitionsfrage selbst gibt es wenig Spannung. Grüne und CDU kommen zusammen auf 112 von 157 Sitzen. Rechnerisch wäre auch Schwarz-Blau oder Grün-Blau möglich, aber beide Parteien haben eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch ausgeschlossen. Andere Optionen existieren nicht. Die SPD ist zu klein für Dreierkoalitionen, und die FDP ist gar nicht mehr da. Die Fortsetzung der grün-schwarzen Koalition ist damit die einzige Regierungsoption mit parlamentarischer Mehrheit.

Aber die Verhandlungen werden härter als 2021. Damals konnten sich die Grünen als klare Wahlsiegerin positionieren und Kretschmann setzte die Koalition gegen interne Widerstände durch. Jetzt ist der Vorsprung hauchdünn, die Sitzverteilung identisch (56 zu 56), und die CDU wird mit Recht darauf pochen, dass sie bei den Erststimmen klar dominiert hat. Die Machtbalance innerhalb der Koalition wird sich verschieben, und die Frage, wie viel grüne Handschrift eine Regierung unter Ministerpräsident Özdemir tragen wird, ist offen. Erschwerend kommt hinzu, dass die beiden Koalitionspartner ihre Stärken in fast spiegelbildlich entgegengesetzten Milieus haben. Die CDU dominiert auf dem Land und bei älteren Wählerinnen und Wählern, die Grünen in den Städten und bei den Jüngeren. Die Konfliktlinien, die aus dieser Konstellation entstehen (z.B. Windkraftausbau gegen Landschaftsschutz, Klimapolitik gegen Industrieinteressen, Mobilitätswende gegen Autostandort) sind nicht neu, aber sie werden in einer Koalition auf Augenhöhe härter verhandelt als unter einem dominanten Kretschmann. Wenn die neue Regierung keine Politik formuliert, die beide Lebenswelten erreicht, wird die AfD genau in dieser Lücke weiterwachsen.

Für die politische Kultur im Land hat die Wahl zudem eine unangenehme Nebenwirkung: Die Opposition besteht künftig aus der AfD mit 35 Sitzen und der SPD mit 10 Sitzen. Eine konstruktive parlamentarische Kontrolle durch demokratische Oppositionsparteien ist unter diesen Bedingungen nicht zu erwarten. Die AfD wird die Oppositionsrolle nutzen, um zu provozieren und zu polarisieren, Sacharbeit im Parlament ist von einer Fraktion, deren Spitzenkandidat nicht einmal für den Landtag kandidiert hat, nicht zu erwarten. Die SPD mit ihren zehn Abgeordneten wird alles tun müssen, um parlamentarisch überhaupt sichtbar zu bleiben.

Was bedeutet das für die AfD und für die Demokratie?

Die AfD hat bei dieser Wahl das beste Ergebnis einer rechtsextremen Partei bei einer Landtagswahl in Westdeutschland erzielt. Das ist ein Fakt, den man nicht relativieren sollte. Aber es ist ebenso ein Fakt, dass die Partei weit hinter ihren eigenen Erwartungen und Ankündigungen zurückgeblieben ist. Der Spitzenkandidat Frohnmaier hat diese Wahl nicht als landespolitisches Projekt betrieben, sondern als persönliche Karrierestufe. Er kandidierte nicht für den Landtag, wollte nur als Ministerpräsident nach Stuttgart gehen, fehlte beim eigenen Wahlkampfabschluss, weil er lieber in den USA arbeitete, und verstrickte sich in Vetternwirtschaftsvorwürfe, die parteiintern mehr Schaden anrichteten als öffentlich. Weidel und Chrupalla straften ihn durch konsequente Nichterwähnung. Die geplante Wahlnachlese-Pressekonferenz wurde kurzfristig abgesagt. Die Partei feiert öffentlich und knirscht intern.

Dass die AfD trotz dieses Chaos 18,8 Prozent holt, zeigt, wie stabil ihr Wählermilieu inzwischen ist. Die Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitstimmen ist bei der AfD auffällig gering, bedeutet, ihre Wählerinnen und Wähler wählen die Partei, nicht die Person. Nur 18 Prozent der AfD-Wählerschaft nannten den Kandidaten als wahlentscheidend, 65 Prozent nannten das Programm. Das ist eine Partei, die von ihrer Marke lebt, nicht von ihrem Personal. Und eine Marke, die auf Ressentiments, Angst vor Statusverlust und Ablehnung des Establishments aufgebaut ist, lässt sich nicht durch bessere Kandidaten der Konkurrenz eigentlich recht einfach wegargumentieren. Dennoch: Der Aufstieg der AfD ist kein Naturgesetz. Die Zahlen aus Baden-Württemberg zeigen, dass die Partei an strukturelle Grenzen stößt. Bei Frauen bleibt sie unter ihrem Schnitt. Bei Jungwählerinnen und Jungwählern ebenfalls. In Großstädten kommt sie nur auf 12 Prozent. Bei den über 70-Jährigen auf 9 Prozent. Und gegenüber der Bundestagswahl hat sie in absoluten Stimmen verloren. Die Dynamik hat sich gebrochen. Die Partei hat ihren Zenit in Baden-Württemberg möglicherweise überschritten.

Was daraus folgt, ist keine Entwarnung, sondern eine Aufforderung. 18,8 Prozent für eine vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall beobachtete Partei, deren Spitzenkandidat lieber in Washington Netzwerke pflegt als in Rottweil Wahlkampf zu machen, sind weder ein Grund zur Beruhigung noch zur Resignation. Die demokratischen Parteien können Wählerinnen und Wähler zurückgewinnen, wenn sie deren Sorgen ernst nehmen, statt die Rhetorik der AfD zu kopieren. Die Erfahrung dieser Wahl zeigt: Wo die Demokraten AfD-Positionen übernehmen, profitiert das Original. Wo sie eigene Antworten formulieren gibt es eine Chance.

Baden-Württemberg hat am Sonntag gezeigt, dass beides gleichzeitig wahr sein kann: Eine rechtsextreme Partei kann ihr Ergebnis verdoppeln und trotzdem an ihre Grenzen stoßen. Die Frage ist, ob die demokratischen Parteien diese Grenzen als Ermutigung begreifen oder ob sie sich in der Illusion wiegen, das Problem werde sich von alleine erledigen. 

Es wird sich nicht von alleine erledigen.

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