Springer, Nius und die geduldige Arbeit am Sagbaren.
Überall liest man derzeit eine These, die so oder ähnlich lautet: Poschardt, Döpfner und Reichelt arbeiteten gemeinsam an einer schwarzbraunen Spahn-Regierung, die SPD werde systematisch sturmreif geschossen, Merz solle als Brandmauer-Opfer abgeräumt werden, am Ende stehe ein Kurs auf 1933. Ich verstehe den Impuls hinter solchen Eskalationen. Wer die Berichterstattung von Welt, Bild und Nius seit Monaten verfolgt, hat das Gefühl, dass sich etwas verschiebt, und sucht nach einem Begriff dafür. Das Problem ist aber: Die These trägt in dieser Form nicht. Sie ist falsifizierbar, und genau das macht sie für die politische Arbeit zu einer schwachen Grundlage. Wer den Befund retten will, muss ihn auf das eindampfen, was sich tatsächlich belegen lässt, und das ist, selbst wenn man es nüchtern betrachtet, bedrohlich genug.
Belegen lässt sich, dass die Welt unter Ulf Poschardt seit dem Musk-Gastbeitrag im Dezember 2024 einen erkennbaren Kurs fährt. Der Text, in dem der reichste Mann der Welt offen Wahlwerbung für die AfD machte, hat das Haus erschüttert. Meinungschefin Eva Marie Kogel hat noch am Erscheinungstag ihre Kündigung öffentlich gemacht, mehrere Redakteurinnen und Redakteure haben das Haus seither verlassen, im Sommer 2025 schied auch Chefredakteurin Jennifer Wilton überraschend aus, und im Dezember 2025 folgte mit Robin Alexander einer der bekanntesten politischen Reporter Springers. Poschardt selbst hat in einem viel diskutierten Welt-Kommentar geschrieben, die Brandmauer zur AfD sei ein Strick, mit dem ein politisch abgewähltes Milieu die letzten bürgerlichen Kräfte durch die Manege ziehe – eine offene publizistische Aufforderung zur Demontage. Sein Buch „Shitbürgertum“, in dem ähnliche Thesen ausgewalzt werden, ist binnen weniger Monate zum Bestseller geworden. Belegen lässt sich auch, dass Nius unter Julian Reichelt seit der Bundestagswahl die schwarz-rote Koalition in einer Weise begleitet, die weniger auf Kritik als auf systematische Delegitimierung zielt. Reichelt nennt Kanzler Merz‘ Klimadialog-Rede eine grüne Soße und Vorbereitung des wirtschaftlichen Niedergangs, er empfängt Alice Weidel in der Hauptsendung und lässt sie die Regierung als Staatsbankrott und gescheiterte Brandmauer framen, ohne dass dem irgendwie widersprochen wird. Bei Springer wiederum ist die Person Mathias Döpfner spätestens seit den Zeit-Leaks von 2023 belastet. Dokumentiert sind seine Anweisungen an den damaligen Bild-Chefredakteur, die FDP publizistisch zu stärken, seine abfälligen Äußerungen über Menschen aus Ostdeutschland, seine offene Bewunderung für die Trump-Administration. Dass dieselbe Welt am Sonntag, deren Herausgeber Trumps Wiederwahl einst öffentlich Wiederwahl gewünscht hat, heute den Diskurs in Deutschland mitprägt, ist kein Detail.
Was sich aus all dem aber gerade nicht ableiten lässt, ist eine koordinierte Personalkampagne mit dem Ziel einer Spahn-Regierung. Jens Spahn ist im Mai 2026 mit knapp 86 Prozent als Unionsfraktionschef bestätigt worden, ein immer noch sehr solides Ergebnis. Er arbeitet eng mit SPD-Fraktionschef Miersch zusammen und hat im Herbst 2025 die Rentenabstimmung gegen die Rebellion der Jungen Union durchgepeitscht, also exakt die Rolle des Koalitionsstabilisators ausgefüllt, die in der schrillen Erzählung gar nicht vorgesehen ist. Nius hat im November 2025 die Vorwürfe junger Abgeordneter aufgegriffen, Spahn arbeite in der Rentendebatte mit „politischen Folterwerkzeugen“ und einem autoritär-repressiven Stil. Wenn Nius einen Wunschkanzler hätte, wäre es nicht Spahn. Eher wird in Springer-Medien an einer Söder-Erzählung gearbeitet oder, noch sehr, sehr viel gefährlicher, an der Vorstellung einer Mehrheit jenseits der Union, die ohne die AfD nicht denkbar wäre.
Damit lande ich bei der eigentlichen Hypothese, die meines Erachtens trägt. Springer-Medien und Nius betreiben keine Personalkampagne, sondern eine Konstellationsvorbereitung. Sie demontieren die Brandmauer publizistisch, sie delegitimieren die SPD als Koalitionspartnerin, sie normalisieren AfD-Stimmen im redaktionellen Umfeld, und sie setzen Friedrich Merz unter doppelten Druck: Entweder weicht er mit Wirtschaft, Migration und Klima scharf nach rechts aus, oder er wird durch eine parlamentarische Konstellation ersetzt, in der die Frage „mit oder ohne AfD-Stimmen“ nicht mehr akademisch ist. Das Ziel ist keine bestimmte Regierung. Das Ziel ist eine Lage, in der die Brandmauer schlicht nicht mehr trägt und in der dann fast egal ist, wer sie umstößt. Wer das versteht, sieht auch, warum Spahn als angebliche Zielfigur die falsche Adresse ist. Er ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass nach einem weiteren Jahr publizistischer Vorarbeit die Aussage „wir machen Politik gegen Mehrheiten“ für eine Unionsführung leichter wird, gleich welchen Namen sie trägt. Diese Erzählung ist deshalb wirksam, weil sie sich nicht an Personen festmachen lässt und weil sie nicht behauptet, was sie tut. Sie verschiebt den Raum des Sagbaren, und sie tut das nicht durch krude Hetze, sondern durch konsequente Auswahl: welcher Gastbeitrag erscheint, wer in welche Talkshow eingeladen wird, welche Begriffe redaktionell gesetzt werden, welche Skandalisierungen Konjunktur haben und welche Themen aus dem Blick rücken. Genau deshalb verfehlen Vergleiche mit 1933 das Problem. Sie unterstellen eine offene Strategie der Machtübernahme, wo es um etwas Subtileres und langfristig Gefährlicheres geht: um die Aushöhlung der Selbstverständlichkeit, dass mit Rechtsextremisten nicht koaliert wird. Wer dagegen mit der historischen Überdehnung kommt, macht es der Gegenseite zu leicht. Sie kann sich als nüchterne Stimme der Vernunft inszenieren, während sie genau das vorantreibt, was sie öffentlich abstreitet.
Was bedeutet das nun für unsere Arbeit vor Ort? Aus meiner Sicht zweierlei:
- Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass die Brandmauer eine bundespolitische Größe ist, die uns kommunal nichts angeht. Sie hält oder sie fällt nicht in Berlin, sondern in tausenden Ratssitzungen, Ausschüssen und Kreistagen. Wo wir vor Ort mit AfD-Anträgen umgehen, wo wir entscheiden, ob wir bei einzelnen Punkten mit AfD-Stimmen Mehrheiten in Kauf nehmen oder nicht, da wird das Material produziert, aus dem die Welt am Sonntag nächste Woche ihren Leitartikel destilliert. Jede unsaubere Abgrenzung an der kommunalen Basis kann zum Beleg werden, der publizistisch nach oben durchgereicht wird, und jede klare Abgrenzung ist ein Beleg dafür, dass die Erzählung von der bröckelnden Brandmauer nicht alternativlos ist.
- Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir die Diskursverschiebung mit Empörungsroutinen beantworten. Sie ist in den vergangenen Jahren oft genug das gewünschte Echo gewesen, das in den Kommentarspalten von Welt und Nius dann als Beleg für die These der „moralisierenden Mehrheit“ dient. An dieser Stelle nehme ich mich nicht aus. Wirksamer ist die nüchterne, präzise Beschreibung dessen, was passiert, ich habe an anderer Stelle schon einmal dafür plädiert, in politischen Debatten nach den treffendsten und nicht nach den lautesten Worten zu suchen. Wirksamer ist es, in Gesprächen vor Ort genau zwischen einer legitimen Medienkritik, einer libertären Provokation und einer offenen Aufforderung zur Demontage demokratischer Konventionen zu unterscheiden. Auch dann, wenn der Wortlaut sich ähnelt.
Die schrillen Zuspitzungen, die derzeit unterwegs sind, haben in ihrem emotionalen Kern recht. Es passiert etwas, es passiert seit Monaten, und es wird absehbar weitergehen. Nur ist die Diagnose schärfer als ihre, weil sie unbequemer ist. Es gibt kein geheimes Ziel namens Spahn, das sich entlarven ließe. Es gibt eine geduldige publizistische Arbeit an der Selbstverständlichkeit der Brandmauer. Wer das benennen will, braucht keine historische Überdehnung. Er braucht Belege, Geduld und die Bereitschaft, kommunal und bundespolitisch dieselbe Sprache zu sprechen.
Quellen
- Anastasia Trenkler/Sarah Ulrich: Springers Welt – Mit Vollgas gegen die Brandmauer, taz, 31.01.2026, https://taz.de/Springers-Welt/!6146976/
- Chefredakteurin Jennifer Wilton verlässt Axel Springer, kress.de, 20.06.2025, https://kress.de/news/beitrag/150570-chefredakteurin-jennifer-wilton-verlaesst-axel-springer.html
- Abschied von Springer: Robin Alexander verlässt die „Welt“, dwdl.de, 18.12.2025, https://m.dwdl.de/a/104969
- Fraktionschef bedroht junge Abgeordnete: Renten-Rebellen werfen Spahn Einsatz von politischen „Folterwerkzeugen“ vor, nius.de, 27.11.2025, https://www.nius.de/politik/news/fraktionschef-bedroht-junge-abgeordnete-renten-rebellen-werfen-spahn-einsatz-von-politischen-folterwerkzeugen-vor/3faa0a9e-11bd-4794-8593-21689f295ac1
- Thommy Mewes: Plädoyer zur verbalen Abrüstung, https://thommy-mewes.de/plaedoyer-zur-verbalen-abruestung
