Work-Life-Balance

Lieber Herr Merz,

Sie sind zurück aus China und haben uns etwas mitgebracht: die Gewissheit, dass wir in Deutschland zu wenig arbeiten. „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche ist der Wohlstand dieses Landes nicht zu erhalten”, sagten Sie nach Ihrer Rückkehr. Ich habe das gelesen, gelacht und gedacht: Lassen Sie mich Ihnen kurz erzählen, wie meine Woche aussieht.

Ich arbeite 40 Stunden als Manager in der IT, gerne auch mehr, das Gehalt ist pauschal, Überstunden gehören dazu. Kein Problem, das mache ich gerne. Daneben engagiere ich mich ehrenamtlich im Ortsvorstand meiner Partei: mindestens 10 Stunden pro Woche für Organisation, Kommunikation, Inhalte und was do anfällt. Noch einmal dasselbe (oder mehr) im Kreisvorstand, wo ich die Finanzen verantworte. Kein Honorar, keine Entschädigung, kein Ausgleich, kein Dienstwagen. Kein Problem, das mache ich gerne. Dazu kommt ein zweites wirtschaftliches Standbein mit einem Online-Shop. Und dann wären da noch zwei Kinder. Ich rechne das jetzt nicht minutiös durch. Aber ich frage mich aufrichtig: Wen genau meinen Sie eigentlich?

Denn die Menschen, die Sie mit Ihrer Rede ansprechen, also die, die angeblich auf der faulen Haut liegen, die kenne ich nicht. Was ich kenne, sind Eltern, die nach einem Vollzeitjob noch die Hausaufgaben begleiten und die Arzttermine koordinieren. Pflegekräfte, die überarbeitet sind, weil schlicht zu wenige Kolleginnen und Kollegen da sind. Ehrenamtliche, die demokratische Infrastruktur am Laufen halten, die ohne sie zusammenbräche. Menschen, die mehrere Jobs machen müssen, weil einer nicht reicht.

Ihr Vergleich mit China ist dabei aufschlussreich, aber nicht in der Weise, die Sie beabsichtigen. China ist kein Land, das wir in Sachen Arbeitsrecht oder Lebensqualität als Maßstab nehmen sollten. Wenn das Ihre Referenz ist, dann sagt das mehr über Ihren Begriff von Wohlstand aus als über den Fleiß der Deutschen.

Was ich mir wünschte: Dass Sie, bevor Sie das nächste Mal über Work-Life-Balance sprechen, einmal schauen, wo die tatsächlich stattfindet. Nicht bei denen, die es sich leisten können, nachmittags Golf zu spielen. Sondern bei denjenigen, die jeden Tag jonglieren: zwischen Job, Familie, Ehrenamt, Nebenerwerb, und die trotzdem das Gefühl haben, dass es nie genug ist. Nicht weil sie zu wenig tun, sondern weil die Strukturen, auf die sie angewiesen wären, fehlen oder kaputtgespart wurden.

Mehr arbeiten ist nicht das Problem. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen und wer davon profitiert.

Herzliche Grüße 

Thommy Mewes

Thommy Mewes
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