Frank Rock, Landrat des Rhein-Erft-Kreises, hat dieser Tage auf Facebook eine Investition gefeiert, die nicht seine ist. Rund 20 Millionen Euro fließen in das Wasserwerk Dirmerzheim, das größte Trinkwasserwerk der RWE Power. „Ein starkes Signal für den Rhein-Erft-Kreis“, schreibt Rock, garniert mit drei Hashtags und einer freundlichen Bilanz: bis zu 4.800 Kubikmeter Grundwasser pro Stunde, theoretisch genug für alle Haushalte des Kreises. Versorgungssicherheit als Standortfaktor, die Region zieht gemeinsam an einem Strang.
Klingt gut. Hält der Prüfung aber nicht stand.
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Investierende Akteurin ist RWE, nicht der Kreis. Was Rock hier feiert, ist die unternehmerische Entscheidung eines privatwirtschaftlichen Konzerns, in das eigene Geschäftsfeld zu investieren. Dass der Landrat beim symbolischen Termin daneben steht, gemeinsam mit der Erftstädter Bürgermeisterin Carolin Weitzel und einem Vertreter der RWE-Braunkohlesparte, mag legitim sein. Es ist aber keine politische Leistung des Kreises, und schon gar kein Signal kommunaler Stärke. Es ist Konzernkommunikation, ergänzt um den Hashtag des Landrats und eine Statistenrolle der Stadt.
Substantiell unsauber wird der Post dort, wo der Kontext fehlt. RWE ist in unserer Region nicht irgendeine Wasserversorgerin. Es ist der Konzern, dessen jahrzehntelange Braunkohleförderung den Grundwasserhaushalt zwischen Bedburg und Brühl fundamental verändert hat. Die Sümpfung der Tagebaue hat den Grundwasserspiegel großflächig abgesenkt, mit Folgen, die uns über Generationen begleiten werden. Wenn RWE jetzt Aufbereitungskapazität ausbaut, ist das auch eine Reaktion auf die hydrologischen Folgen des eigenen Geschäftsmodells. Diese Einordnung gehört in jede ehrliche Darstellung der Investition. Bei Rock fehlt sie komplett.
Eine weitere Unschärfe in Rocks Post: Die Formulierung „versorgt unter anderem Erftstadt und Hürth“ suggeriert eine gemeinsame Trinkwasserversorgung beider Städte aus Dirmerzheim. Tatsächlich liefert das Werk laut RWE-Pressemitteilung Trinkwasser an die Stadtwerke Erftstadt und Brauchwasser an Industriekunden in Hürth. Das ist ein erheblicher Unterschied. Wer ihn nicht benennt, vergrößert die regionale Versorgungsreichweite rhetorisch und verschleiert, dass für Hürths Trinkwasserversorgung andere Strukturen existieren.
Ich habe im Sommer 2025 in einem ausführlicheren Beitrag bereits dargelegt, warum Dirmerzheim nicht als gewöhnliche Industrieanlage betrachtet werden kann. Sobald die Sümpfungen mit dem Auslaufen des Tagebaus enden, wird Dirmerzheim alleiniger Versorger für die Städte Bedburg, Bergheim, Elsdorf, Kerpen, Erftstadt und Teile von Titz, in Summe nahezu eine halbe Million Menschen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik definiert Kritische Infrastruktur im Wassersektor bei 500.000 versorgten Personen oder 22 Millionen Kubikmetern Jahresproduktion. Dirmerzheim erreicht beide Schwellen, mit der jetzt in Betrieb genommenen Aufbereitung sogar mit deutlichem Abstand. Kritische Infrastruktur heißt: staatliche Vorsorgepflicht, Transparenzanforderungen, demokratische Kontrolle. Konzerngeheimnis ist das Gegenteil davon.
Die 20 Millionen Euro entschärfen diese Lage nicht, sie verschärfen sie. Die neue Anlage ersetzt die bisherige Aufbereitung vollständig, schafft eine Daueraufbereitungsleistung von 4.800 Kubikmetern pro Stunde, also rund 115.000 Kubikmetern pro Tag, und ist modular ausgelegt, damit RWE die Kapazitäten künftig „an neue Anforderungen anpassen“ kann. Damit zentralisiert sich die regionale Trinkwasserversorgung in genau dem Moment, in dem die anderen Werke mit dem Tagebau wegfallen, in einer einzigen Anlage unter privatem Eigentum. Wer die Skalierung in zehn oder zwanzig Jahren bestimmt, entscheidet der Konzern. Wer beim Spatenstich Fotos macht, ist daran formal nicht beteiligt.
Was bei dieser Investition nicht entsteht, ist mindestens so wichtig wie das, was entsteht. Eine zweite Brunnengalerie gibt es nicht. Ein öffentlich zugänglicher Notfallplan existiert nicht. Wer im Ernstfall zuerst mit Tankwagen beliefert wird und wer in welcher Reihenfolge trockenfällt, ist bis heute nicht geregelt. Wie verletzlich das System bereits jetzt ist, hat der Rohrbruch im Dezember 2023 gezeigt: sechs Leitungsstränge fielen aus, mehrere Stadtteile waren stundenlang ohne Wasser, die Feuerwehr verteilte Fässer. Das Werk selbst lief währenddessen weiter. Träfe ein Schaden die Aufbereitung oder die Brunnenanlage selbst, sähe die Lage anders aus, und niemand weiß bislang, wie viel anders.
Was Versorgungssicherheit unter Konzerneigentum bedeutet, ist international gut dokumentiert. Berlin hat die Wasserbetriebe 2013 rekommunalisiert; die Tarife sanken binnen eines Jahres um über 15 Prozent, weil Gewinne wieder in die Infrastruktur statt in Ausschüttungen flossen. Thames Water steht inzwischen mit mehr als 20 Milliarden Pfund Schulden vor der Zwangsverstaatlichung, weil Kosten und Risiken sozialisiert wurden, während private Investoren über Jahrzehnte Rendite kassierten. Die Lektion daraus ist empirisch, nicht ideologisch: Wasser unter Renditedruck wird teurer, anfälliger und intransparenter.
In Erftstadt gibt es einen Ratsantrag aus dem Jahr 2019, der den Rückkauf des Wasserwerks fordert. Seitdem: keine Machbarkeitsstudie, kein Finanzierungsrahmen, nicht einmal ein ergebnisoffenes Gespräch mit RWE Power. Während RWE seine Position durch eine 20-Millionen-Investition festigt und sich öffentlich als „verlässlicher Partner der Region“ inszeniert, verwaltet die Stadt Erftstadt das Schweigen. Die Bürgermeisterin nennt Dirmerzheim einen „verlässlichen Baustein“ der städtischen Trinkwasserversorgung, ohne ein Wort zu den Eigentumsverhältnissen zu verlieren. Der Landrat, der für die Versorgungssicherheit seines Kreises mit verantwortlich ist, postet Fotos vom symbolischen Termin.
Die Fragen, die in dieser Region eigentlich auf dem Tisch liegen müssten, sind andere als die, die Rocks Post behandelt. Wie sieht die langfristige Strategie für den Grundwasserhaushalt nach dem Kohleausstieg aus? Welche Rolle sollen private und kommunale Wasserwirtschaft jeweils spielen, wenn der Konzern, dem das Werk gehört, die Geschäftsgrundlage in der Region durch sein eigenes Wirken verändert hat? Wie verbinden wir Hochwasserschutz, von dem Erftstadt seit 2021 schmerzhaft weiß, dass er existenziell ist, mit Trinkwasserversorgung und Grundwasserschutz zu einer integrierten Wasserpolitik? Und wann beginnt der Rhein-Erft-Kreis ein ergebnisoffenes Gespräch mit RWE über die Eigentumsfrage, das der Bedeutung dieser Infrastruktur angemessen wäre?
Auf diese Fragen liefert eine Investition in Filtertechnik keine Antwort. Sie kann es auch nicht. Antworten darauf hätte die Politik zu liefern, kommunal wie auf Kreisebene. Stattdessen wird gepostet.
Wasser ist keine Standortmarketing-Frage. Wasser ist Daseinsvorsorge, und kritische Infrastruktur gehört in öffentliche Hand, in die Hand derjenigen, die demokratisch dafür Verantwortung tragen. Wer das anders sieht, sollte das offen sagen. Und wer es genauso sieht, sollte aufhören, Konzerninvestitionen zu Erfolgen der Region umzuetikettieren.
Quellen
- https://www.rwe.com/presse/rwe-power/2026-05-27-rwe-power-nimmt-neue-aufbereitungsanlage-fuer-trinkwasser-in-dirmerzheim-in-betrieb/
- https://thommy-mewes.de/tacheles-von-thommy-08-wasser-ist-kein-geschaeftsmodell/
- https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Regulierte-Wirtschaft/Kritische-Infrastrukturen/KRITIS-in-Zahlen/kritis-in-zahlen.html
- https://gruene-erftstadt.de/ruckkauf-des-wasserwerks-dirmerzheim