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Gasmangellage? Echt jetzt?

Wer sich dieser Tage durch soziale Medien scrollt, bekommt den Eindruck, Deutschland stehe kurz vor dem Zusammenbruch seiner Gasversorgung. Die Speicher seien quasi leer, eine Gasmangellage unausweichlich, wir werden alle erfrieren und die Wirtschaft wird irreparable Schäden in Milliardenhöhe erleiden. Schuld sind natürlich die Grünen, die Ampel, die Energiewende oder gerne auch alle drei gleichzeitig. Besonders die AfD und ihr mediales Umfeld (NIUS, diverse YouTube-Kanäle, rechte Influencer) überbieten sich seit Wochen mit apokalyptischen Szenarien. Da wird aus Szenarien eine Prognose gemacht, aus Modellrechnungen eine Gewissheit, und aus einem komplexen Energiesystem eine simple Tankanzeige, die bald auf Null steht.

Höchste Zeit also, sich die Fakten anzuschauen. Die deutschen Gasspeicher liegen aktuell bei etwa 23 bis 24 Prozent Füllstand. Das ist tatsächlich der niedrigste Februar-Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2011. Zum Vergleich: Im Februar 2025 lag der Wert noch bei rund 55 Prozent, im Februar 2024 sogar bei 76 Prozent. Klingt erst einmal dramatisch und verdient ganz sicher eine ernsthafte Einordnung, aber genau diese fehlt in der Debatte fast vollständig. Warum? Weil sie dem Narrativ der Panikmacher nicht dient.

Um zu verstehen, warum niedrige Füllstände nicht automatisch eine Mangellage bedeuten, muss man zunächst verstehen, was diese Prozentzahlen überhaupt messen. In jedem unterirdischen Gasspeicher befindet sich deutlich mehr Gas als der ausgewiesene Füllstand vermuten lässt. Die gesamte Gasmenge teilt sich nämlich in zwei Kategorien: Arbeitsgas und sogenanntes Kissengas. Das Arbeitsgas ist die Menge, die ein- und ausgespeichert werden kann, also sozusagen die Handelsware. Das Kissengas verbleibt permanent im Speicher und hält den Mindestdruck aufrecht, ohne den die Anlage nicht funktioniert. Je nach Speichertyp macht das Kissengas ein Drittel bis zur Hälfte des gesamten physisch vorhandenen Gases aus. Wenn also ein Füllstand von 23 Prozent gemeldet wird, bezieht sich das ausschließlich auf das Arbeitsgas. Es ist, als würde man den Füllstand eines Schwimmbeckens messen und dabei das Wasser unterhalb der Abflussöffnung nicht mitzählen; es ist da, es gehört zur Anlage, aber es hat eine andere Funktion. Das Kissengas ist kein versteckter Notvorrat, den eine angeblich unfähige Regierung uns vorenthält. Es ist eine technische Notwendigkeit: Ohne Kissengas bricht der Druck zusammen, Wasser dringt in die Gesteinsstruktur ein, und der Speicher ist im schlimmsten Fall dauerhaft zerstört. Die Prozentzahl auf dem Bildschirm ist also keine Tankanzeige, die linear auf Null zuläuft, auch wenn genau dieser Vergleich in den sozialen Medien ständig gezogen wird.

Der eigentliche Schlüssel zur Einordnung liegt aber nicht in den Speichern, sondern in der Frage, woher Deutschland sein Gas bezieht. Denn die Rolle der Speicher hat sich seit 2022 grundlegend verändert. Vor dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine stammten 52 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland. Die Speicher waren damals die zentrale Lebensversicherung für den Winter, weil die gesamte Importstruktur auf wenige Pipelines aus einer Richtung angewiesen war. Diese Architektur existiert nicht mehr. Deutschland hat seine Importstruktur in Rekordzeit diversifiziert. Norwegen ist mit einem Anteil von rund 44 Prozent zum wichtigsten Lieferanten geworden. Hinzu kommen Importe über Pipelines aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Und dann ist da die LNG-Infrastruktur, die es vor drei Jahren in Deutschland schlicht nicht gab. LNG, also verflüssigtes Erdgas, wird auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt, auf Spezialtanker geladen und über den Seeweg transportiert. An den Empfangsterminals wird es wieder in seinen gasförmigen Zustand zurückversetzt und ins Leitungsnetz eingespeist. Deutschland betreibt mittlerweile aktive LNG-Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Mukran auf Rügen, ein weiteres in Stade soll im zweiten Quartal 2026 in Betrieb gehen. Im Jahr 2025 wurden über diese Terminals rund 106 Terawattstunden Erdgas importiert, was gut zehn Prozent der gesamten deutschen Importmenge entspricht; ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Diese Terminals sind nicht nur ein zusätzlicher Importweg, sie funktionieren als Sicherheitsventil: Steigen die europäischen Gaspreise, wird es für LNG-Tanker wirtschaftlich attraktiver, Europa statt Asien anzusteuern. Der Markt reagiert auf Preissignale, und die Infrastruktur dafür steht.

Das europäische und globale Gassystem funktioniert nämlich nicht wie ein geschlossener nationaler Kreislauf, sondern als vernetzter Markt. Gas wird am Großhandelsmarkt sowohl langfristig über Terminkontrakte als auch kurzfristig über den Spotmarkt gehandelt. Die europäische Benchmark dafür ist der niederländische TTF, über den ein Vielfaches des niederländischen Eigenverbrauchs abgewickelt wird. Deutschlands Fernleitungsnetz umfasst rund 225.000 Kilometer und ist Teil des europäischen Verbundsystems, durch das Gas in verschiedene Richtungen fließen kann. Seit 2022 hat sich die Fließrichtung sogar umgekehrt: Wo früher Gas von Ost nach West strömte, fließt es heute überwiegend von Nord und West nach Ost. Der tägliche Gasverbrauch in Deutschland schwankt im Winter je nach Temperatur zwischen drei und fünf Terawattstunden. Dieser Bedarf wird nicht primär aus den Speichern gedeckt, sondern aus laufenden Importen. Über Pipelines fließen täglich rund 2,5 bis 3 TWh nach Deutschland, über LNG kommen etwa 0,4 TWh hinzu. Die Speicher dienen als Puffer für Verbrauchsspitzen, nicht als alleinige Versorgungsquelle. Das ist ein fundamentaler Unterschied, den die Alarmisten konsequent ignorieren. Deutschland verfügt insgesamt über 47 Untergrundspeicher an 33 Standorten mit einer Gesamtkapazität von rund 24,6 Milliarden Kubikmetern Arbeitsgas. Selbst bei niedrigen Füllständen steht also ein erhebliches Volumen zur Abdeckung von Lastspitzen bereit, während die Grundversorgung über die laufenden Importe gesichert wird.

Die Bundesnetzagentur beurteilt die Lage seit August 2024 unverändert: Die Gasversorgung in Deutschland sei stabil, die Versorgungssicherheit gewährleistet. Auf dem Weltmarkt sei ausreichend Gas verfügbar, und es seien ausreichend Importmöglichkeiten vorhanden. Das heißt nicht, dass es keine Herausforderungen gäbe. Die niedrigeren Speicherstände in diesem Winter sind auf eine Kombination aus kälterem Wetter, höherem Verbrauch und einer bewussten Rückkehr zu einer stärker marktorientierten Speicherbewirtschaftung zurückzuführen. Im Sommer 2025 gab es für Händler kaum finanzielle Anreize, Gas einzulagern, weil die Preisdifferenz zwischen Sommer und Winter zu gering war. Das ist ein ordnungspolitisches Thema, über das man ernsthaft diskutieren kann und sollte. Aber es ist etwas fundamental anderes als das Szenario, das die AfD und ihr mediales Umfeld zeichnen.

Und dann gibt es noch einen Indikator, der die Panikmache besonders eindrucksvoll widerlegt: die Gaspreise selbst. Der TTF-Gaspreis lag Mitte Februar bei rund 30 Euro pro Megawattstunde, das sind 40 Prozent weniger als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Die Gaspreise für Neukundinnen und Neukunden liegen aktuell bei durchschnittlich 8,1 Cent pro Kilowattstunde, deutlich unter dem Vorjahresniveau. Kein Gasversorger auf diesem Planeten würde seinen Kundinnen und Kunden Verträge zu solchen Konditionen anbieten, wenn er ernsthaft mit einer Mangellage rechnen würde. Die Preise spiegeln die Markterwartung wider, und diese Erwartung lautet: Es gibt genug Gas.

Was bleibt also übrig von der angeblichen Gasmangellage? Ein historisch niedriger Speicherstand, der zu diskutieren ist, un zwar als Frage der Speicherregulierung und der strategischen Vorsorge. Ein Energiesystem, das deutlich diversifizierter und resilienter ist als noch vor drei Jahren. Eine Bundesnetzagentur, die die Versorgungssicherheit als gewährleistet einstuft. Und Gaspreise, die fallen statt zu steigen. Wer daraus eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe konstruiert, betreibt keine Aufklärung, sondern politisch motivierte Panikmache. Es ist das bewährte Muster: Man nimmt eine reale Zahl, reißt sie aus dem Kontext, unterschlägt alles, was nicht ins Narrativ passt, und serviert das Ergebnis als Beweis für das Versagen der politischen Gegnerinnen und Gegner. Das funktioniert besonders gut bei technisch komplexen Themen, weil die Einordnung Zeit und Fachwissen erfordert, die Schlagzeile aber in drei Sekunden konsumiert ist.

Die Gasversorgung in Deutschland verdient eine sachliche, kritische Begleitung. Es gibt strukturelle Fragen, die beantwortet werden müssen: Wie stellen wir sicher, dass die Speicher im nächsten Sommer wieder ausreichend befüllt werden? Wie gehen wir mit dem geplanten Rückbau einzelner bayerischer Speicher um? Welche Rolle spielen Gasspeicher in einer Energiewende, die mittelfristig auf Wasserstoff setzt? Das sind die richtigen Fragen. Sie sind nur deutlich weniger geeignet für Panik-Posts auf Facebook oder TikTok.

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